„Wir alle haben so unser Päckchen zu tragen“, sagt man, doch wie genau sehen diese Päckchen bei mir aus? Ich habe nicht zugenommen weil ich so gerne esse und das Essen so gut schmeckte. Na gut, vielleicht auch ein bisschen aber hauptsächlich habe ich so viel zugenommen weil ich mir das leckere Essen als Belohnung für anstrengende Tage oder Lebensphasen einverleibte. In dieser Zeit war meine Selbstwahrnehmung fast vollständig außer Kraft gesetzt.

Das letzte woran ich mich dahingehend erinnere ist, dass ich eines Abends in meine Bett lag und mein Bauch quasi neben mir lag, „Jo“, dachte ich, „bist ganz schön schwabbelig geworden. Na ja, was soll’s“ und schlief ein.

Danach blendete ich alles aus. Ich war zu sehr mit dem Rest meines Seins beschäftigt, hauptsächlich mit dem, was ich nicht erreicht hatte.

Ich hatte mein Informatikstudium abgebrochen weil ich es nicht finanzieren konnte, dann hatte ich zwar eine verkürzte Ausbildung zur Fachinformatikerin abgeschlossen (in 1 Jahr und 10 Monaten statt 3 Jahren), doch da sah ich nur, dass meine Abschlussnote eher schlecht als gut war.

Meine Fernbeziehung endete 2 Wochen vor der Hochzeit abrupt ohne eine Erklärung, nach der Ausbildung fand ich nur einen ziemlich miesen Job und kurz darauf fuhr ich meine Auto auf der Autobahn zu Schrott, dass ich einen Zusammenprall mit einem LKW quasi nur mit ein paar Prellungen überlebte war dabei irgendwie zweitrangig.

Danach begann ich noch mal ein Studium der Medieninformatik und arbeitete Halbtags als studentische Aushilfe. Ich fand eine Mann mit dem ich eine vielversprechende Beziehung einging. Ich nahm etwas ab doch dann machte sich Unzufriedenheit breit. Das Studium hielt nicht was es versprach und mein Kinderwunsch rückte in weite Ferne da mein Partner, entgegen der Anfänge, doch kein Interesse an eigenen Kindern hatte.

Ich war unglücklich im Studium, unglücklich in meiner Beziehung und mein Job war so langweilig dass ich mir schnell eine Nebenbeschäftigung suchte. Ich eröffnete einen Onlineshop in dem ich selbst gestaltete Fanartikel für Molchliebhaber verkaufte. Ich steckte all meine Energie in die Aufzucht von Reptilien und Amphibien die ich zu Hause hielt. Eine Zeit lang erfüllte mich das. Doch der Kinderwunsch kam immer wieder in mir hoch. Ich war frustriert und aß den Kummer in mich hinein. Einige Male versuchte ich dieses Thema mit meinem Partner auszudiskutieren. Nach 4 Jahren war die Beziehung am Ende. Ich war nicht bereit meinen Kinderwunsch aufzugeben, ich war nicht bereit mich aufzugeben und unglücklich zu sein. Ich brach mein Studium ab, ich kündigte meinen Job und suchte mir eine Vollzeitanstellung als Teamassistentin und Office Manager. Ich schöpfte wieder Hoffnung und nahm wieder etwas ab.

Dann lernte ich meinen heutigen Mann kennen, wir verliebten uns und beschlossen sehr bald unserem gemeinsamen Kinderwunsch nachzugehen. Nach 3 Monaten war ich schwanger, 10 Wochen später verlor ich mein Baby, 2 Tage danach bekam ich die Diagnose Gebärmutterhalskrebs, es folgen Ausschabung, Biobsie und Konisation. Es stürzte mich in ein tiefes, emotionales Loch, ich aß wieder über die Maßen und nahm zu. Einige Zeit später verlor ich meinen Job wegen Insolvenz. Noch während der Bewerbungsphase wurde ich wieder schwanger. Auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch bekam ich Blutungen und verlor mein zweites Baby. Im Vorstellungsgespräch war ich natürlich nicht besonders hinreißend, wohl wissend dass ich gerade mein Baby verloren hatte, aber absagen konnte ich auch nicht mehr, stand ich ja quasi schon in der Tür. Den Job habe ich dann natürlich nicht bekommen. Aber einige Wochen später dann einen anderen. Als ich den Arbeitsvertrag unterzeichnete hatte ich einen Tag drauf erneut einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Ich versuchte das auszublenden. Ich ging arbeiten und traute mich erst in der 11. Schwangerschaftswoche zum Frauenarzt. Vincent hatte ich festgebissen und wuchst ohne Probleme. Nachdem ich meinem neuen Chef und meinen Kollegen davon berichtete waren diese natürlich nicht sonderlich begeistert. Die Zeit bis zum Mutterschutz verbrachte ich ohne dass die Kollegen mehr als nötig mit mir sprachen. Vincents Geburt war schwer, die Erholung danach dauert etwas aber ich war überglücklich. Wir hatten kurz vor der Entbindung spontan geheiratet. Wir waren eine kleine Familie. Nach der Elternzeit begann ich wieder zu arbeiten, pünktlich zu Vincents erstem Geburtstag kündigte sich Marlene an. Noch während der Schwangerschaft zogen wir nach Hamburg, zurück in meine alte Heimat.

Alles verlief gut, die Zeit nach der Geburt mit 2 Kindern unter 2 war anstrengend doch irgendwie brachte ich die Energie auf mich wieder um mein altes Problem, mein Gewicht zu kümmern. Ich versuchte es diesmal mit Almased und ersetzte 72 Tage lang jede Mahlzeit gegen einen Shake. Ich erreichte ein Tiefstgewicht von 83kg.

Dann begann die harte Zeit der Bewerbungen erneut, diesmal als Mutter von 2 kleinen Kindern. Ich hätte nicht gedacht dass der Marktwert wegen der Kinder so ins Bodenlose stürzen würde doch so war es. Entweder ich bekam gar keine Antwort oder Stellen angeboten von denen ich nicht mal die Kita hätte bezahlen können. Ich gab jedoch nicht auf und so bekam ich durch einen glücklichen Zufall einen Job in einer Steuerberaterkanzlei.

Die Anfangszeit war körperlich sehr anstrengend, Marlene schlief noch nicht durch und ich nahm alle 6 Wochen einen Infekt samt hohem Fieber mit. Dazu kam dass ich zu meiner Vollzeitstelle einen Fahrtweg von mindestens 1 ½ Stunden pro Strecke hatte. Wie es der Zufall wollte hatten wie dann in meiner Probezeit auch noch 6 Wochen Kitastreik. Ich sah meine Kinder kaum noch und war tief traurig. Doch es wurde besser, die Infekte blieben aus, die Kitazeiten regulierten sich und mein Mann und ich wurden ein eingespieltes Team. Nur mein Körper blieb wieder auf der Strecke, viel sitzen, ungesund essen, die Kilos kamen zurück. Ich war bei 110kg als mein linkes Außenband das erste Mal riss. Das bedeutete noch weniger Bewegung, und natürlich tat es auch weg. Es folgen 2 Weitere Bänderrisse bevor ich erneut schwanger wurde. Zwischenzeitlich hatte ich, um mich auch geistig zu fordern, ein Onlinestudium der BWL aufgenommen. Wenn die Kinder im Bett waren las ich meine Uniskripte und 1 Mal im Monat fuhr ich für 2 Tage nach Wilhelmshaven zu meinen Präsenzveranstaltungen.

Das Übergewicht und die 2 eng aufeinander folgenden Schwangerschaften hatten meinen Körper stark belastet sodass die dritte Schwangerschaft mit vielen Einschränkungen voranschritt. Ich wurde recht zeitnah ins Beschäftigungsverbot geschickt und die einzige Bewegung war dann noch der Weg zur Kita. Ich wurde immer dicker.

Beim Autokauf im August 2017 passte ich kaum in den Sitz und mein Bauch lag schon auf dem Lenkrad. Bruno kam dann am 24.02.2017 mit 4,4 kg auf die Welt und brach mir dabei das Steißbein und die Bauchdecke.

Meine Selbstwahrnehmung fing wieder an zu funktionieren als mir meine Mutter das Bild aus dem Kreissaal schickte. Ich war so geschockt, das konnte doch nicht ich sein.

Lange hatte ich im Spiegel nur mein Gesicht gesehen aber dieses Ganzkörperfoto schockte mich zutiefst.

Jetzt, nachdem ich im Normal BMI angelangt bin, habe ich immer noch eine verzerrte Wahrnehmung von mir selber. Ich fühle mich durch die schwabbelige, überschüssige Haut mitunter immer noch so dick wie direkt nach der Geburt von Bruno. Nur die Vorher-Nachher-Bilder geben mir einen realistischen Blick auf mich selber.

Natürlich gibt es auch Heute noch schwere Tage und weniger schwere Tage doch ich versuche meine Automatismen von früher bewusst zu umgehen. Nicht mit futtern anfangen wenn ich gestresst oder wütend bin. Warten bis es mir besser geht und dann kontrolliert essen.

Jeder hat also sein Päckchen zu tragen, der eine hat mehr, der andere weniger aber auf jeden Fall hat jeder Gründe warum das Gewicht so ausgeartet ist. Ich finde es wichtig ehrlich zu sich selber zu sein, sich selber nicht auszublenden, sich einzugestehen, dass mal etwas schwierig ist, aber sich deshalb nicht aufzugeben. Solange man ein mal mehr aufsteht als man hingefallen ist, besteht noch Hoffnung.

Jeden Tag komme ich etwas mehr ins Reine mit mir aber auch mein Weg ist noch nicht abgeschlossen. Ich bleibe dran, ich gehe weiter.

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